Interview mit Seyran AtesDer Multikulti-Irrtum
Die Anwältin und gebürtige Türkin Seyran Ates steht für eine Neuorientierung der deutschen Einwanderungspolitik. Sie fordert weniger Toleranz gegenüber den Muslimen auf der einen Seite, und mehr Entgegenkommen der Mehrheitsgesellschaft auf der anderen Seite. Über ihr neues Buch "Der Multikulti-Irrtum" sprach Kathrin Erdmann mit ihr.

Seyran Ates: "Ich finde, die Stimmung hier in Deutschland wird aggressiver, je lauter wir mit der Kritik werden."
In ihrem neuen Buch haben Sie es besonders auf die Linken abgesehen. Was haben die falsch gemacht?Seyran Ates: Ich sehe die Linken in der Integrationspolitik ganz besonders in der Verantwortung, denn sie haben lange Zeit Diskussionen verhindert, und sie haben, im Gegensatz zum Selbstverständnis von linkem Denken, nicht genau hingeguckt, was eigentlich in diesen Gesellschaften, in diesen Kulturen, die da zugereist sind, passiert.
"Der Siedepunkt ist längst erreicht", so lautet ein Zitat von Ihnen. Auch in Deutschland, so Ihre Meinung, müssen Islamkritiker um ihr Leben fürchten. Ates: Ich selbst habe letztes Jahr meine Kanzlei geschlossen, weil mich ein Verfahrensgegner angegriffen hat. Davor habe ich immer wieder Anfeindungen erlebt. Ich finde, die Stimmung hier in Deutschland wird aggressiver, je lauter wir mit der Kritik werden. Und je aggressiver die Stimmung wird, desto eher werden auch Grenzen überwunden, Gewalt auszuüben. Wir haben hier schon längst eine ähnliche Situation wie in Großbritannien oder Frankreich.
Sie bezeichnen die seit langem hier lebenden Ausländer und Zugereisten als Deutschländer und schätzen, dass 80 Prozent von ihnen noch nicht in Deutschland integriert sind. Was bedeutet das für die Integration?Ates: Dass wir noch einen langen Weg vor uns haben. Vor allem für die nächsten Generationen. Wenn wir uns die dritte Generation anschauen, dann sehen wir doch das Ergebnis dessen, was wir in den letzten Jahrzehnten versäumt haben. Und das macht mich verzweifelt, wenn es immer noch schöngeredet wird, obwohl die Situation der dritten Generation miserabel ist.
Ein großer Teil des Buches widmet sich den Themen Gewalt und Frauen. Was muss die Mehrheitsgesellschaft hier noch leisten?Ates: Wir brauchen einen eigenen Straftatbestand Zwangsheirat, und wir benötigen im Bereich der häuslichen Gewalt die Anerkennung dessen, was durch Studien jetzt belegt ist. Diese Studien zeigen, dass Migrantinnen, wenn sie Gewalt ausgesetzt sind, eine andere Art von Opferschutz benötigen. Sie brauchen Einrichtungen, die auf ihre spezielle Situation eingehen.
Aber ist es nicht so, dass gerade bei muslimischen Frauen die Schamgrenze da noch mal ein Stück höher liegt, an die Öffentlichkeit zu gehen?Ates: Seit drei bis vier Jahren führen wir zum Beispiel eine sehr offene, eine sehr polarisierende Diskussion über das Thema Zwangsheirat. Und jetzt sehen wir langsam das Ergebnis in den Beratungsstellen. Immer mehr junge und auch ältere Frauen trauen sich, über dieses Thema zu sprechen und Hilfe zu suchen.
Das heißt: Die öffentliche Debatte hat genau das bewirkt, was ich mit meiner Arbeit erreichen will und warum ich auch dieses Buch geschrieben habe. Das Thema muss auf der Tagesordnung bleiben, damit Frauen wissen, dass es nach wie vor ein Thema ist und es Stellen gibt, die helfen können.
Ein zentraler Grund für die mangelhafte Integration ist aus Ihrer Sicht der unterschiedliche Ehrbegriff bei Muslimen und der westlichen Welt. Wie soll und muss Deutschland damit umgehen? Ates: Die meisten Deutschen müssen sich einfach bewusst darüber werden, dass sie selbst in ihrer eigenen Gesellschaft diese Prozesse durchgemacht haben und nicht von ungefähr dort gelandet sind, wo sie heute sind. Sie haben ja auch einen langen Weg der Demokratisierung und der Aufklärung durchgemacht.
Von daher müssten gerade diese ganzen liberalen und linken Menschen verstehen, was wir Dissidentinnen und Kritikerinnen des Islam jetzt gerade machen. Wir versuchen einen innerislamischen Diskurs anzuregen, damit eine Debatte stattfindet, um den Islam zu reformieren, und dazu brauchen wir auch die Unterstützung der Mehrheitsgesellschaft.
Sie werfen Deutschland vor, mit zweierlei Maß zu messen: Auf der einen Seite werde eine freizügige Werbung akzeptiert. Gleichzeitig erlaube man Schülerinnen aus religiösen Gründen, dem Sportunterricht fernzubleiben. Ates: Ich finde die Diskussion an dieser Stelle verlogen, weil so getan wird, als ob man auf die sittlich-moralischen Vorstellungen Rücksicht nimmt, und gleichzeitig haben wir eine extrem pornographisierte Werbung. Die Mehrheitsgesellschaft müsste viel kritischer mit der Werbung umgehen.
Und es kann nicht sein, dass in Schulen mit zweierlei Maß gemessen wird. Es kann nicht sein, dass Mädchen nur deshalb nicht am Schwimmunterricht teilnehmen, weil sie muslimisch sind. Hier werden den Mädchen Bildungschancen genommen, und das steht dem deutschen Bildungssystem entgegen. Die Mädchen haben am Schwimm- und Sportunterricht teilzunehmen, und das kann man auch entsprechend gesetzlich regeln. Das wäre gar kein Problem.
Das Buch trägt den Untertitel: Wie wir besser zusammenleben können. Wie können wir denn besser zusammenleben?Ates: Wir brauchen ein Einwanderungsgesetz wie in Kanada, Australien oder in den USA. Menschen müssen aufgrund ihrer Qualifikation einen Antrag stellen und allein nach Deutschland kommen können. Das deutsche System ist viel zu sehr auf Familienzusammenführung ausgerichtet.
Außerdem brauchen wir ein Ministerium für Einwanderung. Den jetzigen Flickenteppich halte ich für falsch. Es gibt in allen Bundesländern die verschiedensten Versionen von Integrationsbeauftragten, aber wir haben keine bundeseinheitliche Politik. Wir brauchen ein zentrales Ministerium, das sich auf Einwanderungspolitik als Thema konzentriert.
Interview: Kathrin Erdmann
© Qantara.de 2007
Seyran Ates: "Der Multikulti-Irrtum". Ullstein Verlag, 2007. 18,90 Euro. Qantara.deZwangsverheiratung
In Deutschland noch immer ein Tabuthema Nach UN-Studien werden jedes Jahr über eine Million Menschen gewaltsam zur Ehe gezwungen. Die in Berlin lebende Rechtsanwältin Seyran Ates kämpft seit Jahren dafür, dass die Zwangsverheiratung in der deutschen Öffentlichkeit stärker wahrgenommen wird. Ein Bericht von Sigrid Dethloff
Musliminnen in Deutschland
Von Kronzeugen und Halbwahrheiten In den Diskussionen über Ehrenmorde und Zwangsheiraten sollten komplexe Sachverhalte weder reduziert, noch soziologisch verzerrt oder unverhältnismäßig überbewertet werden, wie Sabine Schiffer am Beispiel Necla Keleks und Seyran Ates erläutert.
Deutschland-Ausgabe der Zeitung "Hürriyet"
Unfaire Berichterstattung Die drei bekannten deutsch-türkischen Autorinnen Seyran Ates, Necla Kelek und Serap Cileli werden seit einiger Zeit von der Deutschland-Ausgabe der türkischen Tageszeitung "Hürriyet" diffamiert. Hintergründe von Uta Rasche
Druckversion