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30. Deutscher Orientalistentag
Wider die Stereotypen



Etwa 500 Veranstaltungen beschäftigten sich auf dem 30. Deutschen Orientalistentag mit dem Thema "Orientalistik im 21. Jahrhundert: Welche Vergangenheit - Welche Zukunft". Mona Sarkis hat sich einige Vorträge angehört.

Blaue Moschee in Istanbul; Foto: AP
Bild vergrössern Ein tieferes Wissen über die Fülle der anderen Weltdeutungen wäre auch jenseits akademischer Mauern wünschenswert, so Mona Sarkis
Laut einer Studie der Universität Erfurt behandelten in den Jahren 2005 und 2006 31 von 133 ARD bzw. ZDF-Sendungen den Islam im Kontext von Terrorismus und Extremismus. 81 Prozent aller Beiträge waren negativ besetzt.

Auch der 30. Deutsche Orientalistentag, der Ende September unter dem Motto "Orientalistik im 21. Jahrhundert: Welche Vergangenheit, welche Zukunft?" angetreten war, widmete sich dem Islam und das - ganz gegenwartsbezogen - vor allem auf sozial- und politikwissenschaftlicher Ebene - vor allem im Vorderen Orient. Andere Wissenschaften und Regionen spielten nur marginal eine Rolle.

Dass sich Deutschlands Nachwuchswissenschaftler, deren Forum der Orientalistentag ist, marktgerecht positionieren wollen, mag als einseitig aufstoßen, hat aber auch sein Gutes: In einigen Jahren werden sie die Denkweisen der Orientalistik international mitbestimmen – und bis dahin werden sich die Krisenherde vor allem im Nahen Osten kaum beruhigt haben.

Auf reale - oder konstruierte - Problemfelder konnten die rund 500 Veranstaltungen freilich nur Streiflichter werfen. Aber immerhin.

Bruchstücke aus einer anderen Welt

So wurden die Schriften der jordanischen Muslimbrüder auf vermeintlichen Antisemitismus abgeklopft. Vorgefunden wurde aber in ihren Unterrichtsmaterialien für Studenten der Islamischen Kultur und der Scharia der Hetzerei unverdächtiger Antizionismus.

Vorgestellt wurde auch die Holocaust-These des ägyptischen Historikers Abdel Wahab al-Missiri. Als Ausgeburt der europäischen Sphäre der Gottlosigkeit, in der sich der Europäer die Kontrolle über das Schicksal anderer und nicht-europäischer Menschen anmaßt, begreift er den Holocaust – und insofern als westliche Machtdemonstration, wie sie sich auch im kolonialistischen Übergriff auf die arabisch-islamische Welt manifestiert.

Einen interessanten Blick auf den weiten Orient vermittelte auch die Frage, ob weibliche Militanz ein Zeichen für Feminismus sei. Etwa am Beispiel der "Tigerinnen" der "Befreiungstiger von Tamil Eelam" (LTTE) in Sri Lanka:

Die vorrangig hinduistischen oder christlichen Frauen sind ebenso wie die muslimischen palästinensischen Selbstmordattentäterinnen bereit, für die Befreiung ihres Landes zu sterben, wenngleich die säkulare LTTE den Lohn dafür nur in der Eigenstaatlichkeit sieht.

All dies sind Bruchstücke. Ein tieferes Wissen über die Fülle der anderen Weltdeutungen wäre auch jenseits akademischer Mauern wünschenswert.

Defizite der deutschen Medien

Doch Deutschlands Medien tragen weder hierzu viel bei, noch zu dem, was ausgerechnet der Staatsminister des Auswärtigen Amtes auf den Tisch brachte: Das Phänomen des Terrors ist nicht zuletzt vor dem Hintergrund der "failed states" zu sehen, die die westliche Politik etwa mit Somalia, Afghanistan und dem Irak produziert habe.

Zu Gaza nahm Gernot Erler nicht direkt Stellung, dafür legte Friedensforscher Werner Ruf den Finger in die Wunde: Die Palästinenser sollen 22 Prozent des Landes des historischen Palästina erhalten, doch dieses ist seinerseits zerklüftet. Die Ziehung von Grenzen lehnt Israel unter westlicher Rückendeckung ab. Als was ist ein Staat ohne Territorium und Grenzen zu bezeichnen, wenn nicht als "failed state"?

Doch es scheint, als sei dem Gros der deutschen Medien Themen wie diese zu heikel und eine fundierte Islamkritik zu komplex.

Widersprüchlicher Islam

Patricia Crone aus Princeton hingegen machte sich die Mühe. Dass es dem viel zitierten Koranvers 2,256 zufolge "keinen Zwang im Glauben" gäbe, habe noch zu mekkanischer Zeit zugetroffen, als die Muslime in der Minderzahl waren.

Bereits die erste muslimische Gemeinschaft in Medina aber habe den Auftrag zur gewaltsamen Unterwerfung Ungläubiger eingebracht und somit die frühere Versdeutung als überholt erachtet.

In der Moderne einigte man sich meist darauf, dass eine Zwangsbekehrung zum Islam "äußerlich" möglich, wahrer Glaube aber nicht zu erzwingen sei.

Antwort auf die Fragen nach säkularer Staatsordnung, nach der Religion als Privatsache und der Vertretbarkeit "äußerer" Unterwerfung gebe dies nicht. Hier blieben die Positionen vieler muslimischer Religionsgelehrter unklar und das mitunter bewusst.

Deren Bereitschaft zu größerer Debattierfreude und weniger Verschwiegenheit gegenüber dem Westen wäre zweifelsohne größer, würde dieser ihnen nicht laufend das Gefühl vermitteln, am Pranger zu stehen.

Ein Vorschlag des Kommunikationswissenschaftler Kai Hafez: Warum denn nicht einmal über die jahrhundertealte Toleranzgeschichte des Islam berichten, fragte der.

Mona Sarkis

© Qantara.de 2007



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