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Interkulturelles Begegnungszentrum im Libanon
Dar Assalam - Das Haus des Friedens



Im libanesischen Schuf-Gebirge entstand vor zehn Jahren eine einzigartige interkulturelle Begegnungsstätte. Individualreisende und Gruppen sind dort eingeladen, sich mit der Nachkriegsrealität des Libanon auseinanderzusetzen oder Arabisch zu lernen. Martina Sabra stellt das Zentrum vor.

Dar Assalam - Das Haus des Friedens im Libanon; Foto: www.libanon-reise.com
Bild vergrössern Für Bildungsreisegruppen, Tagungen, Sprachkurse, aber auch Individualreisende aus verschiedenen Ländern steht das Haus in Al-Wardaniyeh stets offen
Stornierte Reisen und unerwartete Verdienstausfälle wegen der politischen Großwetterlage gehören zum leidvollen Alltag so mancher Reiseveranstalter im Nahen Osten. Umso erstaunter ist man, wenn man Latife Abdulaziz zuhört: "Keine einzige Reisegruppe aus Deutschland, Österreich oder der Schweiz hat in den vergangenen Jahren abgesagt", erzählt die junge Libanesin stolz und in einwandfreiem Deutsch. "Nicht einmal während des Irak-Krieges. Da kamen die Gäste erst recht!"

Latife Abdulaziz, die auch fließend Englisch und Französisch spricht, hat ihr Deutsch am Goethe-Institut in Beirut und bei mehreren Aufenthalten in der Schweiz und in Deutschland gelernt. Sie ist hauptberuflich Lehrerin für Mathematik und Physik an einem Gymnasium im Südlibanon.

In ihrer Freizeit kümmert sie sich um das "Haus des Friedens" (Dar Assalam). Die im Libanon und im gesamten arabischen Raum bisher einmalige interkulturelle Begegnungsstätte liegt in den Ausläufern des malerischen Schuf-Gebirges, hoch über dem strahlend blauen Mittelmeer, eine gute halbe Autostunde südlich von Beirut.

Von dieser Oase der Ruhe aus brechen bildungshungrige Gäste aus dem deutschsprachigen Raum, aber auch aus Skandinavien, den Niederlanden und aus der Region selbst zu Erkundungstouren auf: hauptsächlich im Libanon, aber teilweise auch nach Syrien und Jordanien.

Bildungsreisen durch den Libanon und nach Syrien

Vor zehn Jahren wurde das Haus in dem malerisch gelegenen Bergdorf Wardaniyeh (die Rosige) eröffnet. Seither sind alljährlich mehrere Bildungsreisegruppen, Tagungen, Sprachkurse, aber auch Individualreisende aus verschiedenen Ländern zu Gast.

Bildungsreisen – darunter versteht man in Wardaniyeh nicht nur Besuche der archäologischen und kulturhistorisch bedeutsamen Stätten im Libanon und Syrien, sondern auch die Begegnung mit den aktuellen Problemen des Libanon und mit der libanesischen Gegenwartskultur. Die vielen Religionen, die Traumata und Folgen des libanesischen Bürgerkrieges, die Umwelt, die Situation der Frauen im Libanon, Flucht und Migration oder auch die Lage der palästinensischen Flüchtlinge in den Lagern sind nur einige Ausschnitte aus der großen Palette an Themen, die in Wardaniyeh bearbeitet werden.

"Wir fahren kreuz und quer durchs Land und besuchen VertreterInnen aller gesellschaftlichen Gruppen", erzählt der Tübinger Sozialpädagoge Said Arnaout, selbst gebürtiger Libanese und Initiator des Projekts. "Aber die Leute kommen auch zu uns ins Dar Assalam, u.a. parlamentarische Abgeordnete, Minister, religiöse Würdenträger und Künstler. Im nächsten Monat wird eine libanesische Frauenrechtlerin einen Vortrag halten."

Die Reiseprogramme organisiert Dar Assalam meist in Zusammenarbeit mit Vereinen oder mit Kirchengemeinden aus dem deutschsprachigen Raum - von der kirchlichen Frauenhilfe über Jugendhilfeeinrichtungen bis zu Fachleuten aus der Flüchtlingsarbeit reicht die Palette der Interessierten.

Beitrag zur lokalen Entwicklung

"Die meisten Reisen kombinieren touristische Attraktionen mit soziokulturellen Begegnungen und werden ehrenamtlich von Vereinsmitgliedern oder FreundInnen des Hauses begleitet", erklärt Latife Abdulaziz. Nur die Abwicklung der Formalitäten übernehmen in der Regel professionelle Reisebüros.

So bleiben die Reisen trotz des hohen Preisniveaus im Libanon erschwinglich und tragen sogar noch zur lokalen Entwicklung bei. Wer in einem der rund vierzig Betten des Dar Assalam übernachtet, morgens auf der großen Terrasse mit Blick aufs Meer frühstückt und sich dann zum Arabischlernen oder auf Begegnungstour begibt, der sorgt dabei nicht nur für das eigene Wohl, sondern unterstützt gleichzeitig auch ein soziales Projekt.

Die Arbeitsplätze, die das Haus schafft, sichern mittlerweile den Lebensunterhalt mehrerer Familien in Wardaniyeh und Umgebung. Darüber hinaus werden von den bescheidenen Überschüssen aus den Reisen alljährlich im Sommer Fortbildungen für Kindergärtnerinnen und Sozialarbeiterinnen aus den palästinensischen Flüchtlingslagern mitfinanziert, sowie Seminare für junge Leute aus Deutschland, die an Work Camps teilnehmen.

Außerdem hat Dar Assalam im überdachten Markt der benachbarten Stadt Saida (Sidon) zwei kleine Läden eingerichtet, die Produkte aus der Region und aus sozialen Projekten anbieten und regelmäßig zwei bedürftigen Familien zumindest ein Basiseinkommen sichern sollen.

Zuflucht während des Bürgerkriegs

Erbaut wurde das "Haus des Friedens" Anfang der neunziger Jahre von einer deutsch-libanesischen Fördergemeinschaft, deren Mitglieder das Projekt zum Teil mit großzügigen Krediten unterstützten. Das Grundstück hatte Said Arnaout entdeckt, der eigentlich aus Beirut stammt und vor dem Ausbruch des libanesischen Bürgerkriegs 1975 als Jugendlicher die Sommerferien in Wardaniyeh verbracht hatte.

"Eigentlich hatte ich während des Bürgerkrieges meine Eltern hierher bringen wollen", erzählt Arnaout, während er im großen Garten hinter dem Haus im Schatten von Bougainvillea und Weinranken auf einer Bank sitzt. "Doch dann war der Krieg 1990 zu Ende, und die Eltern wollten lieber in Beirut bleiben. Wir brauchten das Grundstück nicht mehr, aber ich wollte es auch nicht an irgendjemanden verkaufen. Es war genau der richtige Moment, um einen lang gehegten Traum wahr zu machen."

Ein Stück Heimat im Libanon

Kontakt in Deutschland:
Said Arnaout, "Dar Assalam für Interkulturelle Reisen"
Gartenstr. 75, 72074 Tübingen,
Tel: 07071-980551
Fax: 07071-688067
Email: darassalam@hotmail.com
Liest man die zahlreichen Eintragungen in den dicken Gästebüchern des Dar Assalam, so gewinnt man den Eindruck, dass hier nicht nur der Traum von Said Arnaout in Erfüllung gegangen ist. Auf vielen hundert Seiten tun Gäste ihre Begeisterung über das Projekt und ihre Reiseerlebnisse kund. Für einige, die schon mehrmals dabei waren, ist Wardaniyeh zu einem kleinen Stück Heimat im Libanon geworden.

Viersternekomfort sollten Gäste im Dar Assalam nicht erwarten, doch ist das Haus angenehm großzügig gebaut, Licht durchflutet und dank hoher Decken auch im Sommer relativ kühl. Die Terrassen und das Gelände rundherum laden zum Verweilen ein, die hauseigene Bibliothek ist gut sortiert, in einem der Aufenthaltsräume steht ein Klavier und der Fernseh- und Videoraum ist jederzeit offen.

"Dar Assalam ist kein normales Hotel und soll es auch nicht werden", sagt Latife Abdulaziz. "Aber wer sich für den Libanon und unser Projekt ernsthaft interessiert, ist herzlich willkommen, ob in einer Gruppe, mit Freunden oder allein."

Martina Sabra

© Qantara.de 2005



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