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Aids in Ägypten
"Geht HIV uns etwas an?"



In Ägypten ist eine mehrmonatige Kampagne gegen die Verbreitung des HI-Virus im Gange. Kondome sind inzwischen leicht erhältlich, aber noch hindert die konservative Moral Ärzte und Religionsführer daran, sich allzu offen für "safer sex" auszusprechen. Von Christina Bergmann


"Die drei Amigos" sind die Protagonisten einer neuen weltweiten Kampagne gegen Aids. Die TV-Spots werden in 41 Sprachen gesendet, u.a. auf Arabisch.
Im "On the Run", einem bei jungen Ägyptern der Oberschicht beliebten Restaurant an der Kairoer Umgehungsstraße, liegen an der Kasse Kondome aus. Auch in den modern gestalteten Apotheken der Shopping-Malls, Treffpunkten vieler ägyptischer Jugendlicher, füllen die in allen Farben und Formen angebotenen "Tops" ganze Regale.

Zwar werden Kondome seit langem in Ägypten hergestellt, aber bis anhin wurden sie nur auf Nachfrage hin aus den Apothekenschränken geholt. Sie galten höchstens als Mittel zur Geburtenkontrolle für Ehepaare.

Die offene Präsentation verdeutlicht einen gewissen Sinneswandel, zumindest beim ägyptischen Gesundheitsministerium und bei den Nichtregierungsorganisationen, die sich mit der Verbreitung von Aids in Ägypten befassen.

"Die Forderung nach 'safer sex' wird zwar noch nicht laut ausgesprochen, doch das Angebot von Kondomen zielt im Grunde darauf hin", sagt Ashraf Azer, ein leitender Angestellter des Uno-Hochkommissariats für das Flüchtlingswesen (UNHCR), das sich an der Kampagne in Ägypten beteiligt, in Kairo.

Religion als vermeintlicher Schutz

Momentan hilft das UNHCR, die seit Dezember laufende und bisher größte Kampagne gegen die Verbreitung des tödlichen Virus nicht nur in Kairo, sondern auch in Alexandria und den oberägyptischen Städten Minya und Assiut zu organisieren.

Besonders erfolgreich war ein Anti-Aids-Konzert im Azhar-Park bei der Kairoer Altstadt. Erstaunlich viele Jugendliche und auch Familien fanden sich ein.

Zwar waren sie vornehmlich wegen der Gesangstars Simone und Khalid Selim gekommen, doch hörten sie sich auch interessiert die aufklärerischen Kommentare zwischen den Liedern an. Zwei kleine Filme zeigten, auf welche Weise man Aids bekommen kann und welche Kontakte mit Aids-Kranken ungefährlich sind.

"Die ägyptische Bevölkerung, auch die junge, ist sich über die Ansteckungsgefahr nicht im Klaren", meint Azer. Entsprechende Fragen an Studenten, egal ob sie an einer staatlichen Universität oder der exklusiven American University Cairo immatrikuliert sind, bestätigen Azers Einschätzung:

"Gefahr droht nur Prostituierten oder Homosexuellen, und die haben wir in Ägypten zum Glück nicht", meint Mohammed. "Geht uns HIV wirklich etwas an?", fragt Rana die Berichterstatterin provokativ und sagt dann: "Der Islam und unsere Moral schützen uns doch vor der schlimmen Krankheit. "Gefahr droht auf öffentlichen Toiletten. Außerdem sollte man einem Aids-Kranken nie die Hand geben", erklärt Mariam.

Das Dilemma sei, dass in Ägypten die wichtigen Risikofaktoren für Aids, also außer- oder vorehelicher Sex, Drogenkonsum und Homosexualität, Tabuthemen seien, fasst Azer zusammen. Und deshalb sei es fast unmöglich, jemandem direkt zu raten, ein Kondom zu benutzen, falls er eben doch untreu werde.

Positiv habe sich hingegen die rigorose Kontrolle von Spenderblut ausgewirkt. Vor wenigen Jahren seien 24 Prozent der Infektionen im Spital aufgetreten. Dieses Problem sei heute dank der verbesserten Hygiene praktisch gelöst, sagt Azer.

Viele Neuinfektionen

Eine kürzlich durchgeführte Konferenz von religiösen Führern der Region zum Thema Aids zeigt, dass sich auch bei der moralischen Argumentation etwas tut.

Während früher der Ratschlag von Priestern und Sheikhs schlicht "Abstinenz und Treue" lautete und Aids als Strafe Gottes für Fehlverhalten angesehen wurde, scheinen sich nun immer mehr religiöse Führer für eine Bekämpfung der Seuche und Mitgefühl mit Erkrankten auszusprechen.

Das wiederum spiegle die allgemeine Haltungsänderung wider, meint Ägyptens Sprecher des Aids-Programms der Vereinten Nationen (Unaids), Nasr Sayyed. So würden heute die meisten HIV-Patienten nicht mehr wie früher von ihren Familien gemieden, sondern daheim versorgt.

Grund für das große Interesse des religiösen Establishments an Aids seien hingegen die besorgniserregenden Zahlen, welche in Ägypten seit Dezember 2004 die Runde machten, fährt Sayyed fort.

Zwar stellten die arabischen Länder die am wenigsten von Aids betroffene Region der Welt dar, doch habe die Zahl der Neuinfektionen am Nil in den letzten beiden Jahren um 28 Prozent zugenommen. Ägyptens Gesundheitsministerium beziffert die Zahl der infizierten Einwohner des Landes auf 1500; nach Schätzungen von Unaids gibt es hingegen 8000 Aids-Fälle unter den 74 Millionen Ägyptern.

Auch dies sei im Vergleich mit Schwarzafrika noch eine äusserst geringe Anzahl, erklärt Sayyed. Doch habe Ägypten durchaus das Potenzial, ein stärker betroffenes Land zu werden. Gefahr droht nicht nur durch den Mangel an Aufklärung, sondern auch durch die sexuelle Aktivität der Ägypter.

Anders als von ihnen selbst behauptet, sind vor- und außerehelicher Sex, Homosexualität und Prostitution verbreitet. Weitere Gefahrenherde sind der wachsende Tourismus und der Zustrom von Flüchtlingen aus Schwarzafrika, wo im Schnitt 25-mal mehr Menschen als in der arabischen Welt infiziert sind.

Christina Bergmann

© Neue Zürcher Zeitung 2005

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